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Lernverhalten - Teil 5

  • Kristina Räder
  • 5. Apr. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Mai 2021



Der ein oder andere wird sich nach dem letzten Beitrag vielleicht gefragt haben, welche Belohnungen es für Hunde denn nun überhaupt gibt und ob es nicht doch eine Art „Leitfaden“ gibt, wann welche Belohnung die größten Chancen hat. An einem solchen möchte ich mich heute einmal versuchen, wenn auch unter der Prämisse, dass – wie im letzten Beitrag erwähnt – letztlich alles im Bereich Belohnung und Strafe immer noch ein Stück weit individuell bleibt.

Fangen wir mit der simpelsten Form der Belohnung an, die tatsächlich – wenn die Beziehung zwischen Mensch und Hund nur halbwegs stimmt – gar nicht zu unterschätzen ist: ein freundlicher Blick, ein nettes Wort! Es zeigt sich zum Beispiel häufig, dass solch lobende Worte und/oder Blicke sich meist eher anbieten, um ruhiges Verhalten von Hunden zu belohnen, insbesondere dann, wenn das ruhige Verhalten noch andauern soll. Denn so fällt es dem Hund leichter, seine Impulse zu kontrollieren als wenn wir ihn wild loben und durchkuscheln. Viele Hunde fühlen sich dann eher animiert, wieder aufzuspringen.

Ein ausgelassenes Spiel zum Abschluss einer Impulskontrollübung kann zwar auch eine tolle Belohnung sein, aber Obacht, zu oft eingesetzt, erhöht dies ggf. langfristig enorm die Erwartungshaltung des Hundes. Wer seinen Hund also immer für das „auf der Decke liegen“ mit einem Zergelspiel belohnt, läuft Gefahr, dass der Hund mit einer enorm hohen Erwartungshaltung auf seiner Decke liegt und gar nicht richtig zur Ruhe kommt.

Das Gleiche gilt übrigens auch für den Hund, der ruhig auf der Decke liegen soll, wenn Besuch kommt. Warum gelingt dies so oft nicht?

Weil die meisten Hunde nach wenigen Augenblicken auf der Decke dann doch zur Begrüßung eingeladen werden und dann oft auch vom Besuch überschwänglich begrüßt werden. So wartet der Hund nur noch auf diesen Augenblick der Begrüßung und wird er sich irgendwann eher weniger als mehr beherrschen können. Heißt also: wer langfristig Tiefenentspannung fördern will, der belohnt ruhiges Verhalten mit „ruhiger Belohnung“ oder schleicht eine Belohnung bei solchen Aktivitäten schnell wieder aus.

Ob Futter auch zu einer „ruhigen Belohnung“ zählt, ist aber schon wieder je nach Hund unterschiedlich – es kommt darauf an, wie hoch die Erwartungshaltung des Hundes bei Futter ist. Kann ein Hund sich gut beherrschen, wenn es ein Leckerli gibt, dann darf dies sicher eingesetzt werden, hibbelt er dem Leckerbissen nur entgegen, scheidet diese Belohnung für Entspannungsübungen wohl eher aus.

Futter eignet sich hingegen häufig für klassische Konditionierungsprozesse, soll heißen: wenn ich meinem Hund etwas beibringen muss, was aus seiner Sicht wenig Sinn ergibt, für mich aber wichtig ist, dann kann ich dies gut über Futter oder die Futtererwartung (Clicker, Markerwort) konditionieren. Dazu gehören beispielsweise für den Hund sehr stupide Dinge wie das Fußlaufen für die Unterordnung oder den Dummysport, Tricks erlernen (zu denen übrigens ein „Sitz“ auch gehört) oder auch das Erlernen von Zusammenhängen, soweit ein Hund diese begreifen kann. Aber Obacht, auch hier kann es sein, dass ein Hund mit enormer Futter-Gier sich eher schlechter denn besser konzentrieren kann.

Eine aktive Belohnung, wie zum Beispiel ein Laufspiel, ein Spiel mit dem Zergel oder einer Beute zum Apportieren ist meistens hingegen ein adäquater Ersatz für das Toben und wilde Spielen mit Artgenossen oder auch die Abrufbarkeit aus jagdlichen Situationen. Von wildem Spiel oder von anderer spannender Aktivität bringt man Hunde meist besser ab, wenn sie wissen, dass sie auch bei uns eine dynamische Belohnung erwartet und nicht nur ein Mensch, der als Keksautomat fungiert.

Schmusen und Streicheln kann auch eine tolle Belohnung sein, doch gibt es viele Hunde, die eine Kuscheleinheit eher zuhause und in Ruhe genießen als draußen beispielsweise bei einem gemeinsamen Hobby. Daher kommt wohl auch der weit verbreitete Ausspruch „never touch a training dog“, wobei man das „never“ gleich wieder streichen kann, denn wie wir bereits gelernt haben, gibt es bei der Belohnung keine statischen Regeln, die für alle Hunde gleichermaßen gelten.

Und manchmal ist für den Hund – ganz simpel – genau DAS die größte Belohnung, was er eigentlich gerade tun wollte als wir ihn davon abhielten. Er wollte über die Weise rennen und musste kurz innehalten? Dann darf er zur Belohnung einfach etwas später wild über die Wiese toben.

Der Hund wollte ins Wasser springen und wir haben ihn daran gehindert? Dann darf er vielleicht zum Schluss einer Übung doch noch ins kühle Nass hüpfen. Das wiederum geht natürlich nicht immer, denn wer möchte seinen jagdlich ambitionierten Hund schon nach dem Abstoppen zur Belohnung doch noch fix das Reh jagen lassen!?

Daher Obacht: auch diese Empfehlungen gelten nicht für alle Hunde und Situationen. Es gibt auch immer Kandidaten, die genau gar nicht mehr stillsitzen können, wenn ein Keks winkt und Hunde, die nicht auf Action mit ihrem Menschen stehen. Daher gilt: immer genau hinschauen, welche Form der Belohnung der eigene Hund wie gerne mag und in welchen Situationen er für welche Verstärker zu haben ist.

Darüber hinaus ist es immens wichtig, dass man für den Hund ein wenig „spannend“ und „unberechenbar“ bleibt, weshalb Abwechslung und intermittierende Belohnungen gut tun – und Abwechslung meint hier wahrlich nicht nur die verschiedenen Geschmacksrichtungen der Leberwurst!

Text A.Nowatzek

Du hast Fragen? Melde dich gerne! www.hundepraxis.com kristina@hundepraxis.com

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